Weil hier auch Historiker mitlesen, ein kurzer Hinweis auf einen bedenkenswerten Artikel zum Thema Multiperspektivität im Geschichtsunterricht von Andreas Körber (via Medien im Geschichtsunterricht). Körber plädiert dafür, Multiperspektivität besonders mittels der Darstellung interessensgleicher Gruppen herzustellen und nicht (wohlfeil) antagonistische Interessensvertreter einander gegenüberzustellen. Letzteres biete wenig Lernmöglichkeiten, da es jedem leicht einsichtig sei, dass einander gegenüberstehende Gruppen unterschiedliche Sichtweisen haben.
Zunächst einmal wünsche ich allen Lesern ein frohes und lehrreiches neues Jahr 2010!
Aktuell scheint das Pendel zurückzuschwingen: Während mir persönlich das ganze Internetgedöns über den Kopf wächst, diskutiert man, angeregt durch das Online-Magazin Edge.org, auch verstärkt gesellschaftlich, nein, sogar inter-gesellschaftlich die Frage, wie das Internet das Denken verändert. Einer der dort befragten Wissenschaftler erfüllt sich gerade einen Vorsatz, den ich mit Neid beäuge:
Taleb wird übrigens von der Veröffentlichung seines Textes nicht viel mitbekommen haben. Taleb ist bis zum Sommer 2010 bewusst offline. Und siehe da: “Ich fühle, wie ich wieder wachse”, schreibt er. (SZ)
Er wachse, sagt er und ich fühle förmlich, wie der digitale Druck von ihm abfällt. Und dieses Phänomen einer Belastung durch Fortschritt scheint nicht neu zu sein. Gehen wir doch mal ein paar Jahrtausende zurück. Ich habe gestern eine Sendung über die Entwicklung des Menschen zur Zeit der neolithischen Revolution gesehen. Dort hat man den Fortschritt der Revolution umgedeutet: Man hat nicht den Vorteil des Ackerbaus fokussiert, sondern die neuen Probleme, die dadurch entstanden sein müssen. Sorgen um Missernten, eine beschwerliche tägliche Arbeit, schlechtere Nahrung, das Entstehen von Eigentum und ersten kriegerischen Auseinandersetzungen um Land. Das Bild der vorigen Gesellschaftsform der Jäger und Sammler hatte man übertrieben romantisch überzeichnet und überflüssigerweise auch noch eine positive, weibliche und eine negative, männliche Komponente in die beiden Gesellschaftsformen gedichtet, aber letztlich fand ich das Fazit gar nicht so sehr daneben: Die neolithische Revolution hat den Menschen zunächst mehr Probleme bereitet, mehr Stress verursacht und mutmaßlich die Lebensqualität und Lebensdauer der Menschen gemindert. Auf lange Sicht betrachtet war dieser Schritt notwendig, denn niemals würden fast sieben Milliarden Jäger und Sammler auf dieser Welt bestehen können, doch für einige Zeit hat er die Situation verschlechtert. Ähnliches ließe sich auch für die industrielle Revolution sagen, wobei es sich hier besonders lohnte, das Stichwort “Entfremdung” einmal auf die neue digitale Welt zu übertragen und zu untersuchen.
Die Versuchung ist groß, das Ganze analog auf unsere digitale Revolution zu übertragen, dieser den Rücken zu kehren, deren Stress und Qualitätsminderung hinter sich zu lassen, den Konkurrenzkampf Konkurrenzkampf sein zu lassen, wieder zurück in die Vergangenheit zu reisen, nur kurz, so wie Taleb, und all das Gerummel und Getöse um E-Mails, Facebook, Twitter, StepMaps, Google und Co. zu ignorieren. Vielleicht müssen wir da aber auch gerade einmal “durch”, um für klare Verhältnisse zu sorgen.
Haben heute zum ersten Mal gewichtelt. Das schönste Geschenk waren allerdings zwei Preise bei einem Schreibwettbewerb, die meine Klasse eingeheimst hat, und die unserer kargen Klassenkasse ein fröhliches Lächeln auf die Lippen zaubern. So langsam sehe ich trotz des Schnees wieder Sonne und freue mich auf entspanntes Korrigieren, Ausschlafen und Gitarre malträtieren können. Ach – und Kommentare kommentieren, das schaffe ich jetzt bald auch wieder…
(Und der einzige Depp, der sich beim Wichteln an das 3-Euro-Limit gehalten hat, war natürlich ich…)
Da hatte ich unlängst in Hinblick auf das Web2.0 den “Ruf eines Ertrinkenden” ausgestoßen, so dehnt sich dieses Gefühl des Überfülltseins, des Informations-Overkills langsam aber sich auf alle weiteren Bereiche aus. Mit einer unangenehmen Nebenwirkung: Ich bin mir meiner eigenen Urteilskraft nicht mehr sicher. Ich weiß auch nicht, wohin mit mir. Scheint wohl gerade eine wenig schöne Phase zu sein, die hoffentlich bald vorbeigeht.
Angestoßen wurde der obige Gedankengang von Christians Aufruf an die Bildungsreporter. Warum nicht, denke ich mir, lege mir kurz ein Statement zurecht, öffne das Programm für die Webcam und plötzlich kommen Zweifel: Hat das überhaupt einen Sinn, in diese Cam zu quatschen? Kannst du überhaupt qualifiziert zum Thema beitragen? Was willst’n du eigentlich beitragen, mal ehrlich betrachtet und auf lange Sicht? Willste etwa neue Folien vorstellen oder Tafelbilder präsentieren? Sind Unterricht und Bildung nicht viel zu komplex, um darüber auch nur irgendetwas mit dem Verstand möglichst objektiv Beurteiltes sagen oder berichten zu können? Wie sollst du kleine Leuchte mehr dazu beitragen können als pure, nackte und unqualifizierte Meinungsäußerungen, wenn es um die zahlreichen hochkomplexen Wechselwirkungen geht, die beim Lernen alle gleichzeitig eine Rolle spielen? Ich habe die Webcam daraufhin wieder ausgeschaltet.
Das Thema könnte ich jetzt beliebig ausdehnen: Auf Politik (“Ja mein Gott, was weiß ich denn, wer jetzt gerade die richtigen Rezepte hat? Wirtschaft, Parteien, soziale Frage – wie und woher soll ich da als Laie ein begründetes Urteil bilden können, ohne zwangsläufig im Ungefähren zu versacken?”), auf unendlich viele gelöschte Blogartikelentwürfe (“Hör doch endlich auf, so viel Nonsens zu schreiben, versenk dein Blog und lass andere den Job erledigen”) oder Klimawandel (“meinnameisthaseundichhabenullahnung – aber Ideologien”) oder wirtschaftliche Fragen (“Kurzarbeitergeld – joa mei. Vielleicht ist’s gut, vielleicht ist’s schlecht!? Bankenrettung – joa, pfffui, mag richtig, mag aber auch falsch sein!? Inflation? Deflation? Währungsreform? Joa, vielleicht, vielleicht auch nicht!?”)
Mal ehrlich: Ich habe doch keine Ahnung. Bildungsreporter? Ja oder nein? Was weiß ich denn schon?
Sorry, habe vergessen, den Tag zu nennen! Das Hörspiel wird erst morgen gesendet!
Kampfplatz Schule – am 8.12. um 20:05 bis ca. 21:00 Uhr wird auf WDR 5 das Hörspiel “Panikraum” ausgestrahlt und steht danach befristet zum kostenlosen Download zur Verfügung.
Die harte Schule des Lehrerlebens ist nur mit kurzen Auszeiten im geschützten Refugium zu ertragen: dem Panikraum, einem ausgedienten Kartenraum, weit ab vom Lärm des Schulalltags. Vier Lehrer haben sich diesen geheimen Platz geschaffen, um nach hartem Fronteinsatz hier ihre Wunden zu lecken. (wdr5.de)
Die Vorschau klang schon mal ziemlich gruselig – Futter für den MP3-Player!
Bin gerade über Lehrerrundmail auf Stepmap gestoßen worden und habe das gleich mal ausprobiert. Gefällt mir und bietet gewiss viele Möglichkeiten für den Geschichtsunterricht, analog wie auch besonders digital.
“Vortanzen” nannte es der Kollege letzte Woche, als ich allgemein nach dem Ablauf am ToT fragte. Er hätte das noch nie gemusst, aber eine andere Kollegin konnte informativ einspringen und erläuterte mir, dass ich am ToT nur eine Vorführstunde vorbereiten müsse und nicht, wie zunächst befürchtet, zwei. Ach, “ToT” ist übrigens keine verklausulierte Lehrerwendung, die übermäßige Ferienreife ausdrücken soll, sondern bedeutet schlicht “Tag der offenen Tür”. An diesem einzigen Samstag mit Unterricht besuchen Eltern und Schüler der vierten Klassen die weiterführenden Schulen, was sich in leeren, unbelebten Schulgebäuden natürlich äußerst schlecht macht. Darum kommen einige Klassen an diesem Samstag in die Schule und demonstrieren den anwesenden Eltern und Kindern, wie Unterricht dort ablaufen könnte.
Dabei ist “könnte” gar nicht so weit von der Realität entfernt, denn ich werde eine Stunde halten, die ich letztes Halbjahr schon einmal in realiter mit einer Klasse durchgeführt habe. Trotzdem bin ich jetzt schon gespannt, ob alles so klappt und funktioniert, wie vorgestellt, und vor allem, ob ich die angehenden Fünftklässler auch schon mit einbinden kann. Ich hoffe, dass genug Extrovertierte dort sitzen werden, die vor einem unbekannten Lehrer keine Scheu haben und mit dem Thema “Syntax” etwas anfangen können. Und wenn sie’s bis dahin nicht gelernt haben, dann spätestens am ToT…
Es wird das erste Mal sein, dass Eltern meinen Unterricht begutachten, wie mir gerade auffällt. Sonderbar, oder?
Ein schneller Hinweis auf einen langen Artikel auf Spiegel-Online:
Aber man mache sich nichts vor. Der darwinistische Überlebenskampf ist im Begriff, auf das Leben des Einzelnen überzugreifen, auf seine Kommunikation mit anderen, sein Erinnerungsvermögen, das der größte Feind neuer Informationen ist, auf sein soziales Leben, auf seine Berufs- und Lebenskarriere, die längst Bestandteil des digitalen Universums geworden ist. (Frank Schirrmacher)
Es erleichtert mich doch ungemein, dass ich nicht der Einzige bin, der das Gefühl hat, in Informationen zu ersaufen. Doch auch für die Wissensgesellschaft hat Schirrmacher etwas bereit:
Die Antwort lautet nicht, dass Powerpoint-Präsentationen und Computer der Ausweg sind, sie sind noch nichts anderes als Folterinstrumente, solange unsere Vorstellung vom Lernen weiter so funktioniert, als stünde einer an der Tafel und verbreitete Informationen. Die Informationen hat jeder. Aber was Menschen verzweifelt lernen müssen, ist, welche Information wichtig und welche unwichtig ist. Das ist womöglich die große Stunde der Philosophie.
Wofür Rechtschreibung? Ja, diese Frage muss man sich als Deutschlehrer oft stellen lassen und insbesondere in Zeiten von Rechtschreibsoftware, die sogar die Grammatik mitprüft, muss man sich diesbezüglich rechtfertigen. Wieso noch rechtschreiben, wenn man doch in Zukunft gleich drauflostippen kann? Imeihmrn ist dcoh beseewin, dsas es früs Leveessrtäindns abnilcegh vlöilg ueerihnlbch ist, ob man rchet sbceriht oedr nihct. Warum, wofür, wieso also noch Rechtschreibung, dieses bare Folterinstrument der Deutschlehrer?
Wofür eigentlich gute Tischmanieren? Es ist doch wirklich jedem klar, dass Menschen sich auch ohne nennenswerte Schwierigkeiten mit blanken Fingern ihre Nahrung ins Gesicht stopfen können. Vom gesunden Butterbrot bis zur fettigen Pommes, von der mageren Karotte bis zum archaischen Mega-Hammer-Triple-Grilled-Cheeseburger. Warum, ja, warum drangsalieren wir unsere Kinder noch zum Umgang mit Messer und Gabel, diesem mühseligen Gestochere, wieso fordern wir von ihnen dieses tropfende Geeiere mit Löffeln, wo sie doch genauso gut aus der Schüssel saufen könnten?
Warum nicht dem natürlichen Bedürfnis nach Schlürfen und Schmatzen nachgeben, was doch in anderen Kulturen sogar gerne gesehen wird, und warum nicht am Tisch lustvoll einen fahren lassen, was doch so erleichtert? Wieso quälen wir unsere Schützlinge mit Bauchweh und qualvoll unterdrückten Eruktationen, die sie peinlich berührt durch die Nase entweichen lassen müssen? Weil wir eine Gesellschaft voller gemeiner Kindeshasser sind, auf formalen Peinlichkeiten bestehend, sadistische Knigge-Sklaven. Lasst uns die Tischmanieren abschaffen! Lasst uns Manieren abschaffen! Wir fordern Freiheit der Beliebigkeit!
Fortsetzung folgt. Thema: Warum unterjochen wir unsere Kinder der Plage des Kleidungtragens?
Bevor ich irgendetwas schreibe, möchte ich hier per Youtube eine Sportart präsentieren, die ich mir gut an vielen Schulen vorstellen kann (ab 1:00 geht’s richtig los):
Jugger nennt sich dieser Sport, eine Mischung aus Rugby, Gladiatorenkampf und Quidditch ohne Schnatz, basierend jedoch auf dem Film “Blood of Heroes”. Ziel dieses Mannschaftssports ist es, dafür zu sorgen, dass der unbewaffnete Läufer den “Hundeschädel” in das Mal stecken kann, denn dann gibt es einen Punkt für das Team. Gekämpft wird mit unterschiedlichen Waffen: Q-Tip, Langpompfe, Kurzpompfe (und Schild), Stab und Kette.
Bei weitem weniger martialisch geschmückt, aber dennoch mit einem mulmigen Gefühl stand ich dann heute auf dem Sportfeld, denn zwei meiner Kollegen hatten zur Fortbildung im Bereich Jungsförderung geladen. Die Waffen lagen bereit, vor allem Q-Tips und Stäben, aber auch Kurzpompfen, ein Schild und zwei Ketten. Einige anwesende Schüler hatten auch selbstegbaute Q-Tips mitgebracht und schon beim ersten Spaßgefecht mit dem Sportkollegen wurde mir klar, dass man körperlich schnell an seine Grenzen kommt, wenn man nur versucht, den anderen mit seiner Waffe zu erwischen – was das dann geben sollte, wenn die Rugby-Elemente dazukommen sollten, war mir schleierhaft.
Was jedoch im obigen Video wie eine wilde Keilerei aussieht, ist ausreichend reglementiert, damit niemand zu Schaden kommt. Auch die martialisch-archaisch anmutenden Waffen sind harmloser als so manche durch Schulflure gekickte Wasserflasche oder hinterhältig geworfene Schneebälle. Auch härtere Gefechte übersteht man schmerzfrei und Kopf- und Genitalbereich sind als Trefferzonen ausgenommen.
Beide Mannschaften postieren sich an entgegengesetzten Spielfeldrändern, der Hundekopf liegt in der Mitte und auf Kommando gilt es, laut schreiend dafür zu sorgen, dass der eigene Läufer den Kopf zum gegnerischen Mal bringen kann. Die Kämpfer müssen ferngehalten und der gegenerische Läufer möglichst gepinnt werden. Trifft man einen Gegner, muss dieser fünf Sekunden kniend laut abzählen und darf dann wieder eingreifen, es sei denn, er wird gepinnt. Pinnen bedeutet, dass man seine Waffe an den Gegner hält und dieser solange hocken bleiben muss. Fairness ist hier unbedingt nötig: Man muss auf die Knie, wenn man getroffen wird, und auch langsam zählen. Bei Meinungsverschiedenheiten gibt es ein Stopp-Signal, auf das hin sich alle in der Mitte treffen und eine Lösung für das Problem suchen.
Und spätestens hier wird Jugger pädagogisch: Ein hartes, martialisch anmutendes Spiel mit einfachen Regeln trifft auf die Möglichkeit, Konflikte eben nicht auf handfeste Weise zu lösen, sondern zu besprechen und Kompromisse zu finden. Reizvoll ist dabei die vermeintliche Härte des Spiels (mangelnde Kondition ist hier viel schlimmer als mangelnde Körperkraft…), mit der man wilde Jungs begeistern kann, gleichzeitig aber auch das Einüben von Fairness, Taktik und gewaltfreier Konfliktlösung. Nicht umsonst ist die AG nur für bestimmte Jungs geöffnet und auch die Kollegen aus anderen Schulen beschäftigen sich mit Jungsförderung. Doch nebenbei bemerkt: Auch Mädels können hier gut mitmischen, da die Waffen hier für Chancengleichheit sorgen. Es geht ja eben nicht darum, den Gegener aus den Socken zu hauen, sondern ihn lediglich zu berühren. Die zwei anwesenden Kolleginnen haben dann auch gleich ordentlich mitgemischt.
Ganz nebenbei ist mir die Idee gekommen, dieses Konzept doch irgendwann einmal auf eine neue Geschichts-AG zu übertragen: Die Gladiator-AG. Dabei könnte man die Waffen (relativ günstig) selber bauen und um neue Waffentypen erweitern, die denen römischer Gladiatoren entsprechen. Man könnte so Kampfweisen experimentell erproben, sich die Ernährungsweise anschauen und einmal nachempfinden, wie anstrengend nur wenige Minuten im direkten Kampf Mann gegen Mann sind. Auch historische Schlachten bekommen so einen anderen Beigeschmack – es ist mir nach dem heutigen Tag unerklärlich, wie man da heil herausgekommen sein will. Eine Verschnaufspause muss einem Todesurteil gleichgekommen sein…